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Jola Grün-Schüler, 1.Vorsitzende
Jahnstraße 10
56412 Nentershausen
Tel: 06485-911696
j.gruen@sternwarte-diez.de

Was man über Kleinteleskope wissen sollte

Die wahrscheinlich am weitesten verbreiteten und wohl leider auch am wenigsten benutzten Fernrohre sind wohl die, die z. B. als beliebte Weihnachtsgeschenke mit einer reichlichen "Komplettausstattung" gerne von Tch##o, A##i und Co zu Billigpreisen in Unmengen auf den Markt geworfen werden.

Da in den entsprechenden Geschäften von Fachberatung naturgemäß keine Rede sein kann, ist der Käufer auf die Eigenwerbung auf den Kartons angewiesen. Leider wird hier oft mehr versprochen, als hinterher in der Praxis eingehalten werden kann. Um so größer ist natürlich dann die Enttäuschung, wenn z. B. ein Vater nicht in der Lage ist, seinem Sohn oder seiner Tochter das neu erworbene "Mondfernrohr" so aufzustellen, daß man den Mond auch damit betrachten kann.

Auf entsprechende Anfragen von Eltern haben wir mehrfach einen speziellen "Fernrohrkurs" für Kinder angeboten. Zu diesem Kurs konnten die Kinder ihre eigenen Fernrohre mitbringen, und wir haben dann gezeigt wie sie richtig aufgebaut werden, der Sucher justiert wird und welches Zubehör für welchen Zweck benutzt werden kann. So konnten wir rund zwanzig dieser Teleskope, vom 50 mm Refraktor bis zum 76 mm Reflektor ausprobieren und deren Zubehör testen. Hier nun einige, allgemeine Ergebnisse:

  • Die Teleskope, ob Linsen- oder Spiegelteleskop, selbst scheinen gut zu sein. Achromatische Objektive sorgen für ein gutes Bild, die Brennweiten von 500 bis 700 mm sind den Öffnungen von 50 bis 76 mm angemessen und sorgen für ein einigermaßen brauchbares Öffnungsverhältniss (Entspricht etwa dem Blickwinkeldes Teleskops, Durchmesser : Brennweite => 1 : ?. Üblich sind Größen zwischen 1 : 4,5 bis 1 : 12). Eine Ausnahme gab es leider auch: Ein im Spielzeugfachgeschäft (!) erworbenes Linsenteleskop mit 50 mm Öffnung. Die Öffnungsangabe bezog sich auf den Durchmesser einer direkt hinter der Glasfläche auf ca 2 cm abgeblendeten, chromatischen Objektivlinse. Die Brennweitenangabe fehlte völlig. Ein fest eingebautes, also nicht austauschbares Zoom-Okular lieferte 35 - 50-facher Vergrößerung, was das tatsächlich machbare der wahren Objektivöffnung weit überschritt. Das Gleiche galt leider auch für den Sucher, nur daß dieser von ca 20 mm Öffnung auf etwa 8 mm Öffnung abgeblendet war. Das daran befindliche Okular hatte einen sich selbst verstellenden, nicht justierbaren Schiebemechanismus. Die Baulänge des Suchers betrug ca 25 cm, das ergibt ein Öffnungsverhältniss von etwa 1 : 31 (!), Mit solch einem engen Blickwinkel kann man einfach nichts suchen. Dieser Sucher lag damit weit unter den Möglichkeiten des bloßen Auges, das ganze Fernrohr war lediglich als mangelhaftes Tageslicht-Fernrohr für Naturbeobachtungen zu gebrauchen. Zu diesem Zweck war allerdings positiv, daß das Fernrohrbild seitenrichtig und aufrecht war.
  • Die Stative bzw. die Montierungen sind durchweg für astronomische Beobachtung unbrauchbar. Dünne Alu-Beinchen machen Beobachtungsversuche von Anfang an wegen Wackelei sinnlos. Bei etwas stabileren Holzstativen ist die mitgegebene Gabelmontierung fast unbrauchbar. Entweder ist die Verschraubung so locker, daß das Fernrohr beim kleinsten Windstoß oder dem Versuch das Bild scharf einzustellen sofort in eine andere Richtung schwenkt oder aber die etwas mehr angezogenen Schrauben ziehen sich beim Schwenken von selbst ganz fest. Von einer Nachführung ist sowieso keine Rede.
  • Der Sucher soll als Zielfernrohr das leichte Einstellen des Beobachtungsobjektes im Hauptfernrohr ermöglichen. Genau das tut er bei den getesteten Fernrohren allerdings nicht! Die kleinen und dünnen Sucherfernröhrchen hatten alle ein zu kleines Gesichtsfeld um sich bequem einen Überblick zu verschaffen. Die dicken Fadenkreuze sind wegen mangelhafter Bildhelligkeit am Nachthimmel praktisch unsichtbar. Die Krönung war ein kaum fingerdicker Sucher, der ein wesentlich schlechteres Bild als das bloße Auge lieferte! Bei einem anderen Sucher größeren Durchmessers waren die Gewinde für die Justierschrauben des Sucherhalters nicht zu Ende geschnitten. Der Sucher wackelte in seiner Fassung und konnte gar nicht justiert werden.
  • Okulare dienen der Erzeugung verschiedener Vergrößerungen. Die Vergrößerung errechnet sich aus der Formel (Brennweite Teleskop : Brennweite Okular). Damit läßt sich rein mathematisch fast jede Vergrößerung erzeugen. In der Praxis ist es aber so, daß die normale Vergrößerung dem Durchmesser des Objektivs oder des Hauptspiegels in Millimeter entspricht. Bei stabiler Montierung und besten Sichtbedingungen ist höchsten das Doppelte des Durchmessers als Vergrößerung zu erzielen. Mit diesem Wissen beantwortet sich nun die Frage eines Vaters, warum er mit dem Okular für 175fache Vergrößerung an seinem 50 mm Fernrohr (Durchmesser) kein scharfes, helles Bild erzielt, von selbst.
  • Barlow- und Umkehrlinsen sind Zubehörteile zur Beobachtung. Die Barlowlinse verstärkt die Vergrößerung eines Okulars um einen weiteren, bestimmten Faktor. Die bei den getesteten Teleskopen mitgegebenen Barlows sind aber aus zweierlei Gründen unnütz: Zum einen ist die Vergrößerung der Okulare bereits zu hoch, sie braucht gar nicht weiter verstärkt zu werden. Zum anderen ist die Qualität der Linsen nicht besonders gut, was zu einer unerwünschten Bildverschlechterung führt! Umkehrlinsen lassen das Fernrohrbild seitenrichtig und aufrecht erscheinen. Das ist am hellen Tag und bei Naturbeobachtungen ganz angenehm. Ein auf dem Kopf stehendes und spiegelverkehrtes Bild stört aber bei der Beobachtung von Sternpunkten oder kleiner flächenhafter Objekte durchaus nicht. Daher wurden die mitgelieferten Umkehrlinsen im Zusammenhang mit Astro-Beobachtungen nicht von mir ausprobiert.

Alles in allem scheinen die kleinen Teleskope also nicht viel zu taugen. Dem ist nun aber auch nicht so. Die Teleskope selbst sind schon ganz in Ordnung, und mit mindestens zwei Okularen kann man brauchbare Vergrößerungen erzielen. Rechnet man also die Geldausgabe nur für diese Teile und sieht man das andere Zubehör als kostenlose Dreingabe an, dann ist die Anschaffung des kleinen Teleskops kein "rausgeschmissenes Geld" gewesen. Später, wenn man sich vielleicht ein größeres Teleskop angeschafft hat, kann es sogar noch als Leitrohr bei der Astro-Photographie dienen, zumal bessere Okulare wegen des einheitlichen Einsteckurchmessers von 24,5 mm jederzeit nachgekauft werden können.

Ist man auch noch bereit, etwas Bastelarbeit zum Beispiel für einen Foto- oder Video- Stativadapter oder eine einfache, preiswerte parallaktische Montierung zu investieren, kann man an dem Fernrohr einige Jahre Freude haben.

Stephan Grün, 25.01.1999


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